Bericht aus Bolivien

Durch einen Übermittlungsfehler ist im aktuellen Pfarrbrief ein alter Bericht von Jonathan gedruckt worden. Hier nun der letzte Brief:

Liebe Daheimgebliebenen,

hier melde ich mich mal wieder aus Bolivien. Mein Jahr hier neigt sich so langsam schon dem Ende entgegen. Ob ich froh darüber sein soll oder nicht, weiß ich selber nicht so genau. Einerseits gefällt es mir hier total gut und ich mache jeden Tag aufs Neue bereichernde Erfahrungen. Andererseits fehlt mir mittlerweile auch die Heimat; die Familie, die Freunde und einfach „Deutschland“ als Gesamtpaket. Dies ist nach über 10 Monaten aber wohl ganz normal. Also genieße ich nun meine letzte Zeit in Bolivien noch mal in vollen Zügen. Ich weiß, dass ich so schnell nicht wieder die Chance bekomme, einen so tiefen Einblick in eine fremde Kultur zu erhalten und an dieser Kultur teilhaben zu können. Natürlich bekommt man bei einer Urlaubsreise auch einiges über die Kultur vermittelt; jedoch ist es etwas ganz anderes, voll in eine andere Kultur integriert zu sein. Und dies für fast ein Jahr! Sehr bereichernd ist dabei für mich die Arbeit in der Schule. Hier stehe ich sowohl mit den Schülern als auch mit den Lehrern eng in Kontakt und erlebe den gesamten Schulalltag mit. Eine Sache, die ich für immer positiv in Erinnerung behalten werde, ist die Wertschätzung der einzelnen Personen. Es gibt einen eigenen Tag des Lehrers, einen Tag des Schülers und zahlreiche andere "Tage...". An diesen Tagen findet kein normaler Unterricht statt, sondern es wird sich ausführlich bei den jeweiligen Personen bedankt. Am Tag des Lehrers beispielsweise wurden wir Lehrer (ja, ich werde als normaler „Lehrer“ gezählt und akzeptiert) beschenkt, bekocht und es wurde alles daran gesetzt, diesen Tag zu einem besonderen zu machen. Auch Tage wie Mutter- und Vatertag werden hier ganz anders gestaltet. Dies mitzuerleben ist einfach toll! Ich hoffe, davon einiges mit nach Deutschland nehmen zu können, wo diese Wertschätzung oftmals fehlt. Besonders lustig war es auch am Vatertag, als wir fünf männlichen Lehrer mit Lobeshymnen besungen wurden und uns herzlichst von allen gratuliert wurde. Danach blieb es natürlich nicht aus, dass mich unzählige Schüler fragten, ob ich denn wirklich Vater sei. Im Allgemeinen werde ich hier wesentlich älter geschätzt als ich bin und viele wollen mir mein wahres Alter gar nicht glauben. Dies hat verschiedene Gründe. Zum Einen, da sie kaum Vergleiche zu anderen hellhäutigen Menschen haben, weshalb ich nicht selten schon als Justin Bieber bezeichnet wurde. Zum Anderen, da es für sie unvorstellbar ist, dass ein Junge im Alter von 18 Jahren einfach für ein Jahr sein Zuhause verlässt und die Eltern dies erlauben und sogar unterstützen. Hier in Bolivien wäre dies absolut unvorstellbar. In Deutschland kommt es häufig vor, dass Jugendliche mit 18 oder 19 Jahren von Zuhause auszuziehen und mehr oder weniger auf sich alleine gestellt sind. Das ist hier komplett anders. Die Mehrheit der "Kinder“ wohnt auch mit 25-30 Jahren noch zu Hause bei den Eltern und wird vollverpflegt. Entweder, weil sie noch studieren und währenddessen natürlich kein Geld für eine eigene Wohnung haben oder weil auch danach nicht genug Geld für eine eigene Wohnung vorhanden ist. So kommt es nicht selten vor, dass in einer Wohnung drei Generationen zusammen leben. Dadurch ist es einfach in der bolivianischen Kultur verankert, dass man mit 18 und auch mit 20 Jahren noch nicht ansatzweise erwachsen ist bzw. für erwachsen angesehen wird. Darüber mag man urteilen, wie man will. Was ich nicht vermissen werde, ist die Kälte, die hier in Oruro herrscht. Die Temperaturen sind laut Papier zwar nicht niedriger als im deutschen Winter, jedoch spielt die Höhe eine große Rolle. Es fühlt sich hier im Hochland tausend Mal kälter an als in Deutschland. Dazu kommt, dass man sich hier nach dem Aufenthalt im Freien nicht einfach in die warme Stube vor die Heizung oder den Kamin setzen kann. In der Wohnung ist es meist genauso kalt wie im Freien. Lediglich in der Sonne heizt es sich tagsüber so richtig auf, was dann allerdings auch schon nicht mehr als angenehm bezeichnet werden kann. Die Sonne wärmt hier nicht, sie brennt. Genug gemeckert, es ist/war ja nur für einen Winter. So langsam wird es nämlich wieder etwas wärmer und das Schlimmste ist überstanden. Mit einigen Erkältungen, aber ich weiß es nun umso mehr zu schätzen, bald wieder in einem warmen, beheizten Haus sitzen zu können. Ja, ich habe hier so einige Dinge ganz anders wertschätzen gelernt. Dinge, die in Deutschland als ganz selbstverständlich angesehen werden. Eine kleine Auszeit gönnte ich mir während des Winters und verbrachte einige Tage in Coroico. Ein kleiner Ort in den Yungas am Übergang zwischen andinem Hochland und tropischem Tiefland mit einem wunderbar angenehmen Klima und beeindruckender Landschaft drumherum. Nicht zuletzt deshalb haben sich hier viele Europäer angesiedelt. Ich gelangte dort hin über die berühmte Todesstraße, die als gefährlichste Straße der Welt gilt und jedes Jahr viele Opfer fordert. Eine tolle Abfahrt per Mountainbike, natürlich mit Guide und der richtigen Ausrüstung! Es gibt unzählige Agenturen, die diese Mountainbike-Tour über die Todesstraße anbieten und sie gilt als eine der beliebtesten touristischen Aktivitäten Boliviens. Einmal durfte ich mich also doch wie ein richtiger Tourist fühlen, bevor es wieder an die Arbeit ging. Was meine Arbeit betrifft, hat sich wieder etwas geändert. Ich arbeite nun nicht mehr auf dem Bauernhof, sondern parallel zur Schule in einem Kinderheim. Dort leben Kinder, die aus schwierigen Elternhäusern stammen und zum Betteln oder zum Stehlen erzogen werden. Bettelnde Kinder gibt es in Bolivien sehr viele und das ist traurig anzusehen. Umso besser ist es, dass in Einrichtungen gibt, in denen diese Kinder aufgenommen und auf den richtigen Weg gebracht werden sollen. Jedoch kann man bestimmt sich vorstellen, dass die 6 bis 12jährigen Kinder im Heim durchweg schwierig sind. Das macht die Arbeit dort recht anstrengend. Im Endeffekt sind sie aber liebenswerte Kinder und ich habe Freude daran, ihnen bei ihren Hausaufgaben zu helfen und mich mit ihnen zu beschäftigen. Ich finde in meiner Arbeit über das ganze Jahr verteilt also genügend Abwechslung und bin froh darüber, Einblick in ganz verschiedene Projekte bekommen zu dürfen. Mal abwarten, was mich noch erwartet.... Bis dahin also erst einmal! Am 15.09. geht mein Flieger zurück in Richtung Deutschland und dann kann man mich vorerst wieder in Bremerhaven antreffen. Beste Grüße aus dem fernen Bolivien und bis bald

Euer Jonathan