Post aus Bolivien

Wir haben erneut einen Bericht von Jonathan Wicht erhalten:

Lieber Herr Schröter, liebes Bolivien-Team und liebe Gemeinde, hier mal wieder ein Bericht aus Bolivien, in dem ich euch mitteilen möchte, wie es mir geht und was ich so treibe. Denn seit meinem letzten Bericht, den ich vor Weihnachten schrieb, hat sich einiges verändert. Besonders, was meine Arbeit angeht. 2 Tage die Woche arbeite ich auf dem Bauernhof, daran hat sich nicht geändert. Auch an der Härte der Arbeit nicht. Mittlerweile habe ich mich zwar besser an die Höhe gewöhnt, trotzdem bleibt es anstrengend auf 3.800 Metern in der prallen Sonne zu arbeiten. Vergleichbar mit deutschen Bauernhöfen ist unser Hof jedoch nicht. Denn es stehen weder Traktoren noch sonst irgendwelche Maschinen zur Verfügung. Hier wird alles noch per Hand erledigt. Zusammen mit dem dort lebenden Don Pascual und einer weiteren Helferin krabble ich also auf Knien über den Boden und schneide mit einer kleinen Sense Hafer und Gerste. Natürlich bleibt die Ernte nicht auf dem Feld liegen, sondern muss anschließend in die Scheune gebracht werden. Kräftezehrend! Es gibt auch weniger anstrengende Arbeiten, wie zum Beispiel das Ernten vom selbst gepflanzten Mangold. In Verbindung damit konnte ich auch schon mein Verkaufstalent unter Beweis stellen, denn die große Menge an Mangold konnten wir ja unmöglich alleine verzehren. Also fuhren wir die Märkte der Stadt ab und verkauften diesen zusammen mit den Zwiebeln, die wir ebenfalls geerntet hatten. Eine tolle Arbeit, die mir im Großen und Ganzen doch sehr viel Spaß bereitet. Die anderen drei Tage der Woche habe ich Zeit, meine Kräfte zu regenerieren. Falls man die Arbeit als „Lehrer“ denn als Entspannung bezeichnen kann. Ja, richtig gelesen. Ich bin nun „Lehrer“. Drei Tage in der Woche besuche ich eine Grundschule und gebe dort in den Klassen 4-6 in Begleitung des jeweiligen Lehrers Englischunterricht. Damit bin ich meinem ursprünglichen Projekt nun deutlich näher gekommen. Projekte zur Umweltbildung sind in Planung. Ich hätte auch schon viele tolle Ideen, muss diese jedoch erst mit der Direktorin absprechen. Beim Englischunterricht muss ich mit den Kindern bei Null anfangen, da die meisten noch nie ein Wort Englisch gesprochen, geschweige denn gehört haben. In Deutschland begegnet uns die englische Sprache überall. Ob beim Einkauf, in der Werbung oder im Radio. In Bolivien ist das ein wenig anders. Im Radio läuft größtenteils spanische Musik und die Werbung im Englischen fehlt auch. Sagt mir eigentlich zu, sorgt nur dafür, dass die Kinder kein Gefühl für andere Sprachen haben. Aber auch das kann ich ja Schritt für Schritt mit ihnen üben und umso mehr freue ich mich, wenn ich erste Ergebnisse sehe. Mir wird der gleiche Respekt entgegen gebracht wie den richtigen Lehrern. Ein paar Störenfriede gibt es natürlich immer, aber der Großteil ist gut erzogen und hat Spaß am Lernen. So, dass ich auch Freude am Unterrichten habe. Leider kann ich dies nur bis Ende September fortführen, da für mich dann bereits die Heimreise ansteht. Denn mehr als die Hälfte meiner Zeit in Bolivien ist schon vorbei. Die Zeit rast, doch rückblickend habe ich unglaublich viele Dinge erlebt in dieser Zeit. Ein Highlight war natürlich der bolivianische Karneval. Oder besser gesagt, der Karneval von Oruro, der zweitgrößte Lateinamerikas. Schon Wochen vorher konnte man erkennen, dass dies eine riesige Veranstaltung werden würde. Auf den Straßen der Stadt wurden Tribünen aufgebaut und auf den Plätzen probten Musikgruppen. Eine einmalige Feststimmung, die ihren Höhepunkt an den Karnevalstagen selber fand. Tagelang zogen unzählige Tanz- und Musikgruppen, die aus ganz Bolivien und auch aus den Nachbarländern angereist waren, durch die Straßen. Hierzu gab es eine festgelegte Route vom Norden der Stadt bis zur am höchsten liegenden Kirche der Stadt. Die religiöse Seite des Karnevals hat hier immer noch eine große Bedeutung. So nahmen wir auch mit dem Bischof an der Prozession teil, die am Vortag stattfand. „Wir“, das sind die deutschen Freiwilligen der Bistümer Hildesheim und Trier, die fast alle über Karneval angereist waren. Wohnen durften wir während dieser Tage freundlicherweise in der Gemeinde meines Verantwortlichen Pedro, der uns auch mit Frühstück versorgte. Hotels kosten während des Karnevals ein Vielfaches des normalen Preises und sind bereits Wochen im Voraus ausgebucht. Als Dankeschön sammelten wir Spenden für die Gemeinde und zeigten auch in der Messe unsere Präsenz. Ansonsten waren wir nur zum Schlafen dort. Denn das Angucken der ewig vorbeiziehenden Tanzgruppen, begleitet von riesigen Orchestern wurde einfach nicht langweilig. Die Vielfalt und Farbpracht der Kostüme war faszinierend. Beeindruckend! Ob die Bilder allein das beschreiben können, bezweifle ich. Den Einblick möchte ich euch aber dennoch nicht verwehren. Auch abseits des Karnevals erlebe ich hier Dinge, die für uns in Deutschland unvorstellbar sind. Bolivien ist ein Land, das so wenig mit Deutschland vergleichbar ist. Vor allem die Menschen und ihre Lebensbedingungen! Am meisten beeindrucken die Fahrten auf das Land, aufs „Campo“. Familien, in denen alle zusammen in einem Raum wohnen und das nächste Dorf und sogar die nächste Wasserstelle kilometerweit entfernt liegen. Bedrückend und faszinierend zugleich. Für mich sind die Erfahrungen, die ich hier mache, unbezahlbar. Sie werden mich ganz anders auf bestimmte Dinge blicken lassen, insbesondere was Selbstverständlichkeiten anbetrifft und was es eigentlich bedeutet, glücklich zu leben. Eine letzte Sache gäbe es noch zu berichten. Wie viele wissen, bin ich ein sehr musikbegeisterter Junge und umso glücklicher, dass ich meine Begeisterung zur Musik hier in Bolivien weiter ausleben darf. Denn bereits seit einigen Monaten bin ich Mitglied in einer bolivianischen Folklore-Band. So habe ich durch Auftritte auch gut gefüllte Wochenenden und außerdem prima Anschluss gefunden. Dazu habe ich auf das Instrument meiner Kindheit zurückgegriffen und stehe hinter den Bongos. Sonst haben wir in der Band alles, was halt dazu gehört: Gitarre, Bass, Saxofon und Schlagzeug. Und des Weiteren die traditionellen Instrumente Boliviens: Charango, Quena und Panflöte. Wir hören auf den Namen „Fusión Ruana“ und man kann uns unter anderem auf YouTube finden. Momentan ist der Winter in Bolivien im Anmarsch und ich bin gespannt, wie ich den orureñischen Winter überstehe. Denn auf dieser Höhe macht der sich etwas härter bemerkbar, zumal meine Wohnung, wie alle hier, weder Isolation noch Heizung besitzt. Auch das wird sicher ein Erlebnis, aber nichts was meine Freude, hier zu sein, trüben könnte! In diesem Sinne allerbeste Grüße aus Bolivien und bis bald! Ich freue mich über jede Nachricht, die mich erreicht und jedes Gebet, das für mich gesprochen wird. Vielen Dank an alle, die meinen Freiwilligendienst so aktiv verfolgen und mich unterstützen, in dem, was ich tue!

Euer Jonathan