Jonathan Wicht berichtet aus Bolivien

Seit Oktober ist Jonathan Wicht als FSJ´ler in Bolivien. Hier ein Brief von ihm:

Lieber Herr Schröter, liebes Bolivien-Team, liebe Gemeinde,

 

seit fast zwei Monaten bin ich nun in Bolivien und leiste meinen Freiwilligendienst.

Die erste Woche verbrachte ich in La Paz, um noch einmal alles Wichtige gesagt zu bekommen und die nötigen organisatorischen Dinge zu erledigen.

Danach ging es nach Oruro; in die Stadt, wo ich ein Jahr leben und arbeiten werde.

Die erste Woche wurde mir gelassen, um die Stadt ein wenig kennenzulernen. Und um mich an die Höhe zu gewöhnen, die mir anfangs doch ordentlich zu schaffen machte. In dieser Zeit wohnte ich in einer Gastfamilie und wurde vollversorgt. Das ist nun nicht mehr der Fall, denn seit gut einem Monat wohne ich alleine in meiner eigenen Wohnung. Hier habe ich ein Schlafzimmer, Küche und Bad. Bisher noch ein bisschen spartanisch, da ich der erste bin, der dort wohnt.

Befinden tut sie sich auf dem Hof der Caritas, meiner Einsatzstelle, was mir den Arbeitsweg erspart. Auch wenn Oruro nicht so groß ist (270.000 Einwohner) braucht man doch ewig, um von A nach B zu kommen, da in der Innenstadt, durch die man muss, immer Stau ist. Das liegt zum einen daran, dass es fast nur Einbahnstraßen gibt und zum anderen, dass in dieser Stadt Millionen von Minibussen verkehren. Minibusse sind hier neben Taxen das Hauptverkehrsmittel. In einen dieser Busse, die in etwa VW-Bus-Größe (allerdings mit 5 Sitzreihen) haben, passen je nach Bedarf 13-18 Personen.

Für Touristen hat Oruro nicht allzu viel zu bieten, bis auf die große Marienstatue über der Stadt. Ich bin ja allerdings auch nicht als Tourist hier, sondern als Freiwilliger. Und das bedeutet, dass ich arbeiten muss. Und das nicht gerade wenig. Meine Einsatzorte sind das Büro der Caritas und ein Bauernhof der Caritas in der Nähe von Oruro. Im Büro fallen diese und jene Arbeiten an und es kann schon mal sein, dass sich meine Arbeitszeiten von 8 auf 10-12 Stunden ausweiten.

Der Bauernhof befindet sich momentan wieder im Aufbau und so fallen Arbeiten wie das Reparieren des Daches oder das Säubern des Schweinestalls an, um neue Schweine aufnehmen zu können. Momentan gibt es lediglich 4 Kühe und Pflanzen, wie Zwiebeln und Hafer. In Planung sind die Schweine, Hühner und drei weitere Kühe.

Zusammen ergibt das eine sehr tolle Mischung aus Büroarbeit und körperlicher Arbeit. Ich fühle mich hier sehr wohl, was auch daran liegt, dass ich nur nette Menschen um mich herum habe.

Die Wochenenden nutze ich entweder, um Besorgungen auf dem Markt zu machen oder auch, um mich um meine Wohnung zu kümmern. Denn das alleine wohnen bedeutet, dass jegliche Arbeit im Haushalt auf einen selber zurückfällt. Und da mir für solche Arbeiten wochentags keine Zeit bleibt, füllen sie mein Wochenende. Vorausgesetzt, ich bekomme keine Einladung vom Bischof Oruros, mit ihm sämtliche Firmungen der Stadt zu besuchen. Das letzte Wochenende verbrachte ich zum Beispiel komplett mit dem Bischof und seinem „Helfer“, einem Bruder im Obispado (vergleichbar mit dem BGV), aß dort zu Mittag und durfte sogar meine Klamotten waschen; in der Waschmaschine. Denn sonst bleibt mir nichts Anderes übrig, als mit der Hand zu waschen, was nicht ganz angenehm ist, da es ausschließlich kaltes Wasser gibt und dieses fast gefroren ist, wenn es aus der Leitung kommt (sofern denn überhaupt welches kommt).

Wie ihr meinem Bericht entnehmen könnt, ist das Leben hier ein wenig anders als in Deutschland. Alles ein wenig einfacher, so wie es bei uns vor langer Zeit mal war. Man kommt sich manchmal vor, wie in einer anderen Zeit, was sich auch besonders in dem Umweltbewusstsein zeigt. Die Eisverpackung fliegt während der Autofahrt aus dem Fenster und wenn man mal eine Fahrt übers Land macht, sieht man keine 10 Meter, an denen kein Müllberg am Straßenrand liegt. Das ist ein wenig erschreckend, wenn es in meiner ursprünglichen Stellenbeschreibung doch um Umweltbildung ging.

Aber abgesehen davon gefällt mir dieses Land mit seinen Leuten sehr gut.

Besonders mit dem Essen konnte ich mich anfreunden, auch wenn es ein paar Mal für Magenverstimmungen sorgte. Das Standardessen ist Reis mit Fleisch, zumeist Hühnchen. Vorher eine Suppe (mit Reis). Dieses gibt es für mich jeden Mittag, da ich keine Zeit zum Kochen habe und kostet rund 10 Bolivianos, circa 1,50€. Daneben gibt es allerdings noch viele traditionelle Gerichte, wie Charquekan (Lamafleisch mit Kartoffeln, Mais und einem Ei, gegessen wird es mit den Fingern) oder Pique (Fleisch mit Pommes, Zwiebeln, Paprika etc.). Das sind jedoch Sachen, die man nicht jeden Tag isst. Ein Essen ohne Fleisch zu finden könnte hier durchaus schwer werden, da dieses unglaublich preiswert ist und einfach zu einer Mahlzeit dazu gehört. Stattdessen wird an Salat und Grünzeug gespart. Da ich ja aber meinen eigenen Haushalt führe, kann ich mir Gemüse und Obst nach Belieben kaufen. Gekauft wird hier auf dem Markt und in kleinen Lädchen, die es an jeder Straßenecke gibt. Diese haben alles was man braucht und so habe ich hier noch nie einen Supermarkt betreten, wovon es in Oruro sowieso nur 3 bis 4 gibt. Dafür kennt mich die Frau an meinem Ecklädchen bereits sehr gut und weiß immer schon, was ich kaufen will.

 

Ein bisschen fehlt mir hier die Weihnachtsstimmung, was auch an dem Wetter und den Temperaturen liegt. Denn hier ist momentan Sommer. Morgens, abends und nachts sind die Temperaturen zwar wie in Deutschland im Winter (0-5°C), tagsüber in der Sonne wird es aber bis 20°C warm. Diese großen Temperaturunterschiede von Nacht zu Tag sind durch die Höhe bedingt.

3800 Meter sind nun mal ordentlich was. Mittlerweile habe ich mich aber sehr gut an Höhe und Klima gewöhnt und laufe gerne mal längere Strecken, um etwas Bewegung zu bekommen und gegen meinen Bauch, den man hier schneller bekommt, als man denkt, anzukämpfen.

 

Bald stehen erstmal ein paar Tage Urlaub an, in denen ich hoffentlich ein wenig Zeit zum Erholen finde. Bolivianische Weihnachten sind sicherlich etwas anders, als das was mir bekannt ist.

Anschließend findet ein Seminar mit allen Freiwilligen des Bistums statt, in dem sich über alles bisher Erlebte ausgetauscht werden kann und wir all unsere Sorgen loswerden können. Die Begleitung des Bistums während unseres Dienstes ist allgemein sehr gut und ich habe immer Ansprechpartner, die sich sofort kümmern. Bisher musste ich das zum Glück relativ wenig auskosten.

Danach freue ich mich aber wieder auf meine weitere Arbeit bei der Caritas, die mir sehr gefällt.

Ich bin sehr glücklich mit meinem Projekt und kann es kaum glauben, wie schnell die Zeit doch vergeht.

 

Allen in Deutschland wünsche ich nun schöne Feiertage und ein frohes Fest, sowie einen guten Rutsch ins neue Jahr!

 

Nochmals ein besonderes Dankeschön an alle, die mich bei der Vorbereitung auf meinen Freiwilligendienst unterstützt haben. Danke für jede Anregung und jeden Zuspruch, danke für jeden Gedanken und danke für jede Einbeziehung ins Gebet.

 

Liebe Grüße aus Bolivien und bis bald,

euer Jonathan!